Schmerzmittel wirksam, aber riskant

21. März 2011 | Von | Kategorie: Medikamente

Für viele Menschen sind Schmerzmittel nicht mehr aus dem Leben wegzudenken. Hüftschmerzen, Rückenschmerzen und Knieschmerzen sind für fast 25 Prozent der Erwachsenen ein Dauerzustand, der einen langfristigen Schmerzmitteleinsatz scheinbar notwendig macht.

Dabei kommen Medikamente zum Einsatz, die oft zur Klasse der NSAR (nichtsteroidale Antirheumatika) gehören. Als solche haben sie kein ausgesprochenes Suchtpotential, sind wirksam und sicher…

Sicher?

Wenn man sich zum Beispiel einmal die Liste an Nebenwirkungen auf Drugs.com für Ibuprofen anschaut, dann sind berechtigte Zweifel an der „Sicherheit“ der Substanz(en) angebracht:

„Constipation; diarrhea; dizziness; gas; headache; heartburn; nausea; stomach pain or upset. Seek medical attention right away if any of these SEVERE side effects occur when using Ibuprofen: Severe allergic reactions (rash; hives; itching; trouble breathing; tightness in the chest; swelling of the mouth, face, lips, or tongue); bloody or black, tarry stools; change in the amount of urine produced; chest pain; confusion; dark urine; depression; fainting; fast or irregular heartbeat; fever, chills, or persistent sore throat; mental or mood changes; numbness of an arm or leg; one-sided weakness; red, swollen, blistered, or peeling skin; ringing in the ears; seizures; severe headache or dizziness; severe or persistent stomach pain or nausea; severe vomiting; shortness of breath; stiff neck; sudden or unexplained weight gain; swelling of hands, legs, or feet; unusual bruising or bleeding; unusual joint or muscle pain; unusual tiredness or weakness; vision or speech changes; vomit that looks like coffee grounds; yellowing of the skin or eyes.“

Schweizer Mediziner warnen jetzt, dass diese angeblich so gut vertragenen und sicheren Medikamente vielleicht doch ein Risiko für Herzinfarkte, Schlaganfälle und sonstige Herz-Kreislauf-Erkrankungen darstellen können.

In einer Übersichtsarbeit im Britisch Medical Journal wurden Schmerzmittel auf ihre Sicherheit und Verträglichkeit untersucht . Hier wurden sieben schmerzlindernde Wirkstoffe unter die Lupe genommen. Es zeigte sich, dass das Risiko bei allen, einen Herzinfarkt zu erleiden oder Schlaganfall oder eine andere Herz-Kreislauf-Erkrankung mit Todesfolge, deutlich erhöht ist.

Das Team des Berner Epidemiologen Peter Jüni initiierte eine Meta-Analyse von 31 Studien, die zusammen mehr als 116.000 Patienten enthielten. Diese Patienten waren regelmäßige Konsumenten von Schmerzmitteln. Die Schmerzmittel waren Naproxen (Mobilat), Ibuprofen (Dolormin), Diclofenac (Voltaren), Celecoxib (Celebrex) und Etoricoxib (Arcoxia). Zwei Wirkstoffe, die nicht mehr auf dem Markt sind, nämlich Rofecoxib (Vioxx) und Lumiracoxib (Prexige), wurden ebenfalls in die Auswertung mit einbezogen.

Die Schweizer Forscher konnten in ihrer Auswertung zeigen, dass ein regelmäßiger Gebrauch von Ibuprofen das Risiko für einen Schlaganfall verdreifachte.

Diclofenac zeigte ein ähnlich hohes Risiko.

Vioxx verdoppelte das Risiko für einen Herzinfarkt, ebenso Lumiracoxib (Prexige), das 2007 aufgrund von schweren Nebenwirkungen vom Markt genommen wurde.

Diclofenac und Etoricoxib zeigten sogar ein vierfach erhöhtes Risiko, an einer Herz-Kreislauf-Erkrankung zu sterben. Naproxen entpuppte sich als der von allen „sicherste“ Schmerzmittelkandidat. Allerdings zeichnet die Substanz sich durch besonders intensive Magen-Darm-Trakt Nebenwirkungen aus.

Wo sonst NSAR als sicher und ungefährlich galten, kam diese Traumvorstellung zu einem jähen Ende, als Vioxx 2004 vom Markt genommen werden musste. Begründung: Tödliche Nebenwirkungen (gehäufte Schlaganfälle und Herzinfarkte). Prexige, ein Diclofenac Abkömmling, folgte auf dem Fuße. Hier waren schwere Leberschäden mit Todesfolge bzw. der Notwendigkeit einer Lebertransplantation berichtet worden.

Dies lässt somit die Sicherheitsfrage der anderen Schmerzmittel gerader dieser Klasse in einem anderen Licht erscheinen. Denn alle diese Substanzen greifen den Schutz der Gefäße an, so dass Langzeitfolgen nur logisch erscheinen. Mit entscheidend ist hier neben der Einnahmedauer auch die Höhe der Dosierungen. Was aber genau die deletären Folgen zeitigt, welcher Mechanismus die negativen Langzeiteffekte bedingt, ist bis heute unklar.

Wer also unter Dauerschmerz leidet, wird sicherlich mit den Ergebnissen dieser Studie nicht gut schlafen können. Peter Jüni rät dann auch, Bewegung als alternative Schmerztherapie anzusetzen.

Leserkommentar: „Und wenn ich mich vor Schmerzen nicht mehr bewegen kann?“ Aber vielleicht kann man sich ja unter Schmerzmittelwirkung besser bewegen, mehr Bewegung in den Alltag einflechten und durch dieses Vorgehen langsam den Tablettenkonsum abbauen?

Gerade in der Schmerztherapie gibt es genug Alternativen zur chemischen Keule. Akupunktur wäre eine davon, die sogar teilweise von der Schulmedizin als wirksam anerkannt wird.

Paracetamol als Schmerzmittel aus einer anderen Substanzklasse erhöht zwar nicht das Risiko von Schlaganfällen oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen, dafür schädigt es die Leber in der Langzeittherapie.

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René Gräber - Heilpraktiker & Sportpädagoge mit eigener Praxis. Sie finden mich unter anderem auch auf Google+, facebook, Xing oder Twitter. Ich schreibe und berichte regelmäßig zu den Themen Medizin, Fitness und Gesundheit. Wenn Sie dies interessiert, dürfen Sie gerne (siehe Box hier unten), meinen persönlichen Gesundheits-Newsletter anfordern. In den ersten 5 Teilen berichte ich über meine "5 Lieblings-Wundermittel".

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8 Kommentare
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  1. Hallo Rene’… ich (47) leide seit 18 Jahren unter Bandscheibenvorvall (ich hab drei davon) … die sich an und wann heftig melden…
    ein leicvhter Schmerz ist mittlerweile eigentlich immer da, aber mit dem kann ich leben… doch je nach Wetter oder wenn ich mich im Garten etwas überanstrenge… kommt es zu sehr starken Schmerzen und manchmal zur so genannten Blockade… da hilft dann wirklich nichts anderes als sehr starke Schmerzmittel (Leutrol mit Meloxicam), obwohl ich die gar nicht gerne nehme…
    leider lebe ich auf Sardinien und in meiner Nähe ist Alternative Medizin sehr verpönt. Man findet niemand, der Akupunktur oder ähnliches macht.
    Was weißt du denn von Blutegeltherapie?? Ich sah da was im Fernsehen…und würd mir notfalls die Tierchen selbst ansetzen, wenn ich mir sie besorgen könnte… Angeblich helfen die auch…

    Antwort René Gräber:

    Hallo Belinda,
    ich habe Dir eine Antwort per email gesendet 🙂
    Liebe Grüße, René

  2. Es ist leichter, eine Pille zu schlucken, als selber aktiv etwas gegen die Schmerzen tun zu müssen. Und die Pharmaindustrie machte es uns leicht, denn für die Nebenwirkungen und neuen Krankheiten, die daraus entstehen,haben sie dann auch wieder Medikamente. So kann man sich den Patienten schön langsam abhängig machen. Für jedes Wehwehchen gibt es das entsprechende Pillchen. Die Leber bedankt sich.

  3. Wer unter sehr starken chronischen Schmerzen leidet, für den ist es ein Segen, daß es starke Schmerzmittel gibt ! Opioide zur Langzeitanwendung. Natürlich braucht man nicht für jeden kleinen Schmerz eine Pille zu nehmen…das ist klar ! Ich bin froh, daß ich meine sehr starken chronischen Schmerzen nun unter Opioiden fast ausgeschaltet habe, so daß meine Lebensqualität wieder zugenommen hat; dieses kann jedoch nur jemand begreifen, welcher wirklich unter starken chronischen Schmerzen leidet; dass die Pharmaindustrie die größte Mafia ist, darüber brauchen wir nicht zu diskutieren !

  4. […] verursachen könnte.  Wir erinnern uns: Ein ähnlicher Fall lag beim Medikament Vioxx vor (“Schmerzmittel – wirksam, aber riskant“). Dessen Auswirkungen auf das Herz und das Risiko des Herzinfarktes wurden lange nicht […]

  5. Ich musste nach Armbruch ca 3 Wochen lang Ibuprofen 800 nehmen. Ich habe diese ohne Probleme vertragen, verwundert war ich, dass die Schmerzen schwanden und ich auch noch high davon wurde. Da Ibupr. auch den Blutdruck erhöht ( bei mir jedenfalls) habe ich die Dosis stark reduziert und immer erst nach zunehmen der Schmerzen eingenommen. Das heisst ich habe heute noch Tabletten rumliegen, da eine 1/8 – 1/4 Tablette o. weniger, gut wirkte. Diclofenac bewirkt bei mir nichts – keinerlei Wirkung. Ich bin froh, dass es für die Schmerzbehandlung wirksame Tabletten gibt. Wie alles im Leben haben diese auch Nebenwirkungen, man sollte sowas nicht des guten Geschmackes wegen nehmen.

    Selbst das Naturprodukt Johanniskraut hat satte Nebenwirkungen – Man sollte bei jeder Anwendung sein Hirn vorher einschalten und auch benutzen,

    Viele Grüsse H.

  6. Sehr geehrter Herr Gräber,
    ein Bekannter hat Rücken-u.Knieschmerzen. Er berichtete mir, dass ihm geraten wurde, im Fitnessstudio auch auf einer Vibrationsplatte zu trainieren.
    Danach ginge es ihm, wie er mir sagte, immer viel besser.
    Kann das sein? Was halten Sie von solch einem Gerät?
    Danke für Ihre Antwort und
    Grüße
    Peter Mende

  7. Sehr geehrter Herr Mende,
    das kann durchaus sein. Zu diesem Vibrationstraining habe ich hier mehr geschrieben:
    http://www.der-fitnessberater.de/vibrationstraining.html
    Bei „normalen“ Gelenkbeschwerden und Schmerzzuständen sehe ich das Vibrationstraining zwar nicht als erstes Mittel der Wahl, aber es hat seinen Sinn. Ich favorisiere das Vibrationstraining vor allem bei Parkinson und Multipler Sklerose.

  8. Das Schmerzmittel hoch riskant sind – ist ja eine gaaaanz neue Erkenntnis??? Nein, das steht auf jedem Beipackzettel – z. B. Ibuprofen, darf bei Buthochdruck nicht genommen werden. Und auch nicht auf Dauer zur Anwendung kommen – steht doch auch drin.

    Und trotz Bluthochdruck habe ich es genommen, nach Zahnbehandlung und Knochenbruch, dann lässt man halt den Kaffee weg, tut etwas ruhiger und schon geht es gut.

    Ich wünsche mir hier mal wirkliche Erkenntnisse zu lesen, nicht immer nur aufgewärmten Müll aus dem Internet aus der Möchte-gern-Gesundheitsecke und der Eso-Ecke.

    UND selbst an Haselnüssen, an ach so gesunden Soja-Produkten kann man mit Allerg. Schock abtreten – alles irgendwie komisch hier, aber nicht lustig, sondern Angstneurotisch mit etwas Anlehnung an die Wahrheit.

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