Tibetische Medizin: Geschichte, Lehre und
Wirkung
Die Traditionelle Tibetische Medizin vereint Pflanzenheilkunde, Akupunktur und tibetische Moxibustion in einem ganzheitlichen
Behandlungskonzept, das dort ergänzend ansetzt, wo westliche Schulmedizin an ihre Grenzen stößt. Als eines der
weltweit ältesten Systeme konnte es im Laufe der Jahrtausende von Einflüssen der chinesischen (TCM), indischen
(Ayurveda), griechischen und persischen (Unani-) Medizin
profitieren.
von: René Gräber, Heilpraktiker und Gesundheitspädagoge
Seit der 12. Jahrhundert gilt das bis auf den heutigen Tag maßgebliche Grundlagenwerk Gyüschi (den Vier Tantras)
des Arztes Yuthog Yonten Gonpo als umfassende Orientierung.
Die Mönchsärzte Tibets pflegen und bewahren die Tradition bis heute: Heilkräuter und Heilmittel aus
mineralischen, pflanzlichen, tierischen und metallischen Substanzen werden mit Blick auf astrologische
Gesetzmäßigkeiten geerntet und nach althergebrachten Rezepten zu Medikamenten verarbeitet und vor der Gabe zur
Wirkverstärkung durch den Arzt geweiht.
Eine Ausbildung zum Therapeuten kann in Dharamsala im Nordosten Indiens, an der medizinischen Universität von
Ulan-Ude am Baikalsee sowie in Tibet selbst erfolgen.
Die Tibetische Medizin widmet sich weniger der Bekämpfung akuter als vielmehr chronischer wie psychosomatischer
Erkrankungen.
Behandelt werden z. B.:
• unterschiedlichste Schmerzformen,
• Migräne,
• Bluthochdruck,
• Übergewicht,
• Diabetes,
• Allergien
Basis dieser buddhistisch geprägten Therapieform ist die Lehre von den "drei Körpersäften": Wind, Galle und
Schleim.
Diesen werden wiederum die entsprechenden, vielfältige Leidensformen verursachenden "Geistesgifte": Hass,
Gier und Verblendung zugeordnet.
Ist die Balance der drei Säfte durch negative Emotionen oder ungesunden Lebensstil gestört, wird Erkrankungen
Tür und Tor geöffnet.
Nicht zuletzt deshalb bildet eine gelassene, ausgeglichene Psyche (immanentes Ziel jeder Behandlung) die
Voraussetzung für dauerhafte Gesundheit und Vitalität. Und mehr: Auch die positive Einstellung des Arztes gegenüber
seinem Patienten ist wichtig für die erfolgreiche Heilung.
Diagnoseverfahren mit Tradition
Mittels exakter Beobachtung und aufmerksamen Abtastens des Körpers ist der Therapeut in der Lage, viele
Krankheiten schon im frühen Stadium zu erkennen. Diagnosen enthüllen die Ursachen der Beschwerden und weisen somit
den Weg in Richtung unverzichtbarer Verhaltensänderungen.
Die viel Fingerspitzengefühl erfordernde Pulsdiagnose stellt ein Kernverfahren tibetischer Diagnostik dar:
Zeige-, Mittel- und Ringfinger werden auf Pulsstellen aufgelegt und abwechselnd sanft, aber fest nach unten
gedrückt. Je nach Pulswellenqualität (man unterscheidet hier 15 verschiedene) kann der Arzt feststellen, welche
Organe erkrankt bzw. gefährdet sind und wie es um den Energiestatus seines Patienten bestellt ist.
Zu den Augenschein-Diagnosen gehört die Zungendiagnose: Form, Farbverteilung und Maß an Feuchtigkeit sowie
etwaige Zahneindrücke geben Aufschluss darüber, welches Element (beispielsweise Erde) geschwächt ist. Auch die
Zähne selbst sowie Augen, Blickfestigkeit, Haltung und Haut werden einer genauen Betrachtung unterzogen. Manchmal
bringt nicht der Augenschein, sondern Hören oder Riechen die entscheidende Information: Klang und Höhe der Stimme,
Sprache und Atmung sowie Mund- und Schweißgeruch helfen Arzt und Therapeuten, eine sichere Diagnose zu stellen.
Eine weitere wichtige Diagnoseoption der Tibetischen Medizin ist die Urindiagnose: Wie ist seine Farbe, wie der
Geruch? Gibt es Blasenbildung, die Hinweis auf eine so genannte Kältekrankheit sein kann? Trüber, übelriechender
Urin könnte auf eine Erkrankung der Galle hindeuten.
Immer schließt sich an die gründliche Untersuchung des Körpers eine Befragung zu Lebensgewohnheiten und
spirituellem Lebensentwurf sowie Vorlieben, Abneigungen, Sorgen und (familiären) Bindungen an. Nur so entsteht ein
individueller Therapieplan, der alle Lebensbereiche ganzheitlich miteinbezieht.
Eine gute Reportage zur tibetischen Medizin war unter anderem in 3 Sat zu sehen - Titel: Das Wissen vom
Heilen
Dieser Beitrag wurde letztmalig am 24.07.2012 aktualisiert
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