Sorry Naturheilung, das amüsiert mich etwas.
Natürlich kann man alles mögliche selbst machen, wenn man das will und Zeit dafür hat. Selbst gekochter Schinken ist sehr einfach selbst herzustellen.
Aber es darzustellen, als müsste man das tun, ist definitiv eine Übertreibung.
Meine Mutter, Tante und die beiden Omas haben früher manchmal eingekocht und auch Marmelade selbst gemacht. Heidelbeeren gesammelt. Das Hobby meines Onkels waren seine Paprika, die er selbst eingelegt hat.
Aber ich kenne aus meiner Kindheit niemanden, der nicht ins Geschäft, zum Bauern oder in den Milchladen gegangen wäre, um dort Milch, Joghurt, Quark und Butter zu holen. Das war im Prinzip das Normale.
Alles selbst zumachen hat natürlich auch ein Stück weit mit Luxus zu tun. Wir haben genug Geld die Zutaten und bei Bedarf die nötigen Maschinen zur Herstellung von was auch immer wir selbst machen wollen einzukaufen und genug Zeit dazu.
Wir vergessen dabei- vor 100 Jahren hatten die Frauen eine große Waschküche, in der sie die Wäsche mit Hilfe von Waschbrettern und Waschkesseln zum Großteil mit der Hand gewaschen haben. Die Waschmaschine kam erst in den 50er Jahren. : https://proxy.metager.de/www.bewusst-ha…9474438aefe7641
Es gab vor 100 Jahren auch noch keine Wäschetrockner oder Kühlschränke. Erst in den 50er Jahren zogen Kühlschränke in deutsche Haushalte.
Es gab natürlich auch noch keine Tiefkühlschränke und nicht die heutigen Herde, sondern Öfen, die mit Kohle oder Holz befeuert wurden.
Wenn wir davon schreiben, dass vor 100 Jahren die Ernährung anders war, dann war das vor allen Dingen so, weil es eine große Armut unter der normalen Bevölkerung gab und einen Zwang anders und mit einer komplett anderen Vorratshaltung zu leben.
Heute lebt jeder so, wie es früher nur den wohlhabenderen Menschen möglich war. Jeder kann sich die richtigen Lebensmittel kaufen.
Und dann die Arbeitssituation vor 100 Jahren, die mit 11,4% von einer hohen Arbeitslosigkeit geprägt war.
1924 sind die tarifpolitischen Auseinandersetzungen vom Kampf um die Arbeitszeit geprägt, wie z. B. der Arbeitskampf im Ruhrbergbau Ende 1923 unter Hinweis auf die zu steigernde Arbeitsproduktivität in vielen Wirtschaftszweigen längere Arbeitszeiten durchsetzen: Für die Schwerindustrie z. B. 54 Stunden (Schwerarbeiter) bzw. 59 Stunden (alle übrigen) wöchentlich. Mit der Verordnung über die Arbeitszeit vom 21. Dezember 1923 war der Achtstundentag als gesetzliche Regelarbeitszeit praktisch aufgehoben worden. Die durch inflationsbedingten Vermögens- und Mitgliederschwund geschwächten Gewerkschaften nehmen in diesem Jahr den Kampf um die Wiederherstellung dieser sozialpolitischen Errungenschaft von 1918/19 auf. Gestreikt wird 1924 nicht nur gegen verlängerte Arbeitszeiten sondern auch für Lohnerhöhungen (1924: 2012 Streiks, 1923: 2162). Der reale Anstieg der Löhne, der im Verlauf des Jahres zu verzeichnen ist, kann u. a. auf den verstärkten Eingriff des Staates in die Tarifkonflikte (staatliche Schlichtung) zurückgeführt werden. Für gelernte Arbeiter errechnet das Statistische Reichsamt folgende Durchschnittswochenlöhne (nominal):
Durch die Inflation von 1923 haben besonders die »Festbesoldeten« reale Einkommensverluste hinnehmen müssen, wie aus einer Untersuchung des Statistischen Landesamts in Hamburg vom April 1924 hervorgeht. Danach sanken die Gehälter der höheren Beamten auf einen Realwert von 33,7% des Vorkriegsgehalts, bei mittleren Beamten auf 49,9% und bei unteren Beamten auf 57,4%. Zwar werden die Beamtengehälter 1924 mehrfach erhöht. Damit kann jedoch die Einkommensnivellierung zugunsten der niedrigen Gehälter und der Arbeiterlöhne – Maurerlöhne z. B. Betrugen 1921 – 1923 im Durchschnitt 78,9% des Vorkriegsstands – nicht aufgefangen werden.
Quelle chroniknet.de
Es gab auch noch Kinderarbeit, und, und, und.
Von daher habe ich große Probleme mit der Verherrlichung einer Zeit, die von Armut, vielen Missständen und Unfreiheiten geprägt war.
Ich weiß, dass es niemand hören will. Aber heute lebt ein Sozialhilfeempfänger in jeder Beziehung besser als damals ein Fabrikarbeiter.