genau deshalb habe ich woanders geschrieben, dass ich nicht verstehe warum Putin da mitspielt. Warum er militärisch eingreift, wie auch immer die verschiedenen Seiten die Maßnahmen bezeichnen.
Ich denke, weil er keine Alternative gesehen hat und sie ihm wahrscheinlich auch keine gelassen haben. Der ukrainische Großangriff auf den Donbass war bereits geplant, bevor sich die Volksrepubliken mit der Bitte um Hilfe und Anerkennung an Putin wandten. Die Evakuierung ging da ja schon los. Es gab schon vorher Meldungen und Fotos vom Donbass, mit ausgehängten Zetteln auf denen der Großangriff angekündigt wurde. Es wurde erwähnt, dass die Menschen so an die kriegerischen Angriffe aus der Westukraine gewohnt wären, dass sie trotzdem noch die Ruhe behalten würden.
Man darf auch nicht vergessen, dass der Minsker Vertrag von allen Beteiligten unterzeichnet wurde. Russland, Ukraine und den beiden Donbass- Volksrepubliken.
Es hätte sich insgesamt auch nicht wirklich etwas an der Situation in der Westukraine geändert, wenn Putin nur den Donbass verteidigt hätte.
Für das, was die Ukraine tut, kann man Putin nicht verantwortlich machen, sondern nur die Ukraine.
Dass er die Reaktion der Ukraine und der Medien erwartet hat, kann ich nicht sagen. Ich weiß es nicht. Er hat zwar eine Menge an Lügen des Westens aufgeführt. Aber das sie soweit gehen würden selbst Krieg, Zerstörung und Verfolgungen zu inszenieren, um es dann Russland in die Schuhe schieben, war zumindest außerhalb meiner persönlichen Vorstellung.
Jetzt passiert international jedenfalls sehr viel mehr als das, was in der Ukraine passiert und die Welt scheint sich derzeit völlig neu auszurichten.
Nelli, es ist völlig egal, ob es Juden, Schwule, Russen, Menschen mit Pickeln, Ungeimpfte oder Rothaarige sind. Nur weil es in Deutschland unter AH einen Nationalsozialismus mit bestimmten Gesetzen gab, definiert der nicht den Nationalsozialismus als solches, sondern nur den deutschen Nationalsozialismus zu dieser Zeit.
Das Beste, was ich dazu gefunden habe, was mich in seiner Komplexität wieder an das erinnert, was ich vergessen hatte und die Situation nicht wirklich besser fühlen lässt.:
Nationalsozialismus (Gewaltausübung durch Irreführung der Bevölkerung mittels falscher Feindbilder und Werte) und Militärdiktatur (Gewaltausübung durch staatliche Instrumente) sind nur zwei Erscheinungsformen des Faschismus und zeigen fließende Übergänge. Gemeinsam ist ihnen die Interessenvertretung der herrschenden und parasitären Klasse, im Kapitalismus der Bourgeoisie/Oberschicht.
Faschismus ist die letzte Form der gesetzmäßig untergehenden Klassengesellschaft und bedeutet offene Gewaltanwendung gegenüber Kritikern und Gegnern. Im Kapitalismus ist er das letzte Instrument des zunehmend handlungsunfähigen Kapitals, welches sich der revolutionären Situation bewusst wird oder sie intuitiv erfasst.
Wir sollten nicht so dumm sein, zu glauben, dass die alten Mechanismen wieder aufgewärmt werden. Der Nationalsozialismus war ab 1933 (und vorher) das Instrument des versagenden Kapitalismus in seiner imperialistischen Phase und faschistischen Herrschaftsform.
Die angewandte Psychologie hat in den letzten 70 Jahren Fortschritte gemacht. Wir sollten nicht den damaligen Gegner erwarten, sondern einen wesentlich weiterentwickelten. Ich kann diesen neuen Gegner täglich in den Medien und auf der Straße sehen. Er ist bereit, Alles zu bekämpfen, was seine Existenz bedroht, auch (scheinbar) völlig ideologiefrei.
"Das Grundgesetz der Revolution, das durch alle Revolutionen und insbesondere durch alle drei russischen Revolutionen bestätigt worden ist, besteht in folgendem: Zur Revolution genügt es nicht, dass sich die ausgebeuteten und unterdrückten Massen der Unmöglichkeit, in der alten Weise weiterzuleben, bewusst werden und eine Änderung fordern; zur Revolution ist es notwendig, dass die Ausbeuter nicht mehr in der alten Weise leben und regieren können.
Erst dann, wenn die "Unterschichten" das Alte nicht mehr wollen und die "Oberschichten" in der alten Weise nicht mehr können, erst dann kann die Revolution siegen. Mit anderen Worten kann man diese Wahrheit so ausdrücken : Die Revolution ist unmöglich ohne eine gesamtnationale (Ausgebeutete wie Ausbeuter erfassende) Krise."
Um die Ausbeutung trotz revolutionärer Situation begrenzt fortsetzen zu können, bis zur Neige auszukosten, benötigen die Ausbeuter (zur Zeit das längst im schlimmsten Sinne globalisierte Kapital) die Volksmassen. Diese müssen in Unkenntnis über die Verursacher der Krise gelassen und gleichzeitig durch falsche Feindbilder abgelenkt werden (im Dritten Reich waren das die Juden und Kommunisten, 2003 sind es die Islamisten, Ausländer, Sozialschmarotzer und Kommunisten / Linken, das zentrale Feindbild ist der "internationale Terrorismus"). Damit verschleiert das Kapital seine Rolle als Verursacher der (nationalen und globalen) Krise. Das ist Faschismus.
Das Vierte Reich:
Bei der Untersuchung des faschistischen Kapitalismus kommt man derzeit nicht um eine Betrachtung der USA, NATO, EU und UNO herum.
Auch wenn ich jetzt um einer solchen Quelle willen geschmäht werde: Adolf Hitler legte in "Mein Kampf" sehr deutlich dar, wie eine wirksame Volksverhetzung funktioniert.... Man muss der Bevölkerung ein vereinfachtes Feindbild liefern und selbst die unnachvollziehbaren Feinde da mit hineinpacken.
War erst einmal der Jude ( im aktuellen Fall Russe oder auch ein Querdenker) zum Untermenschen gestempelt, wurde es auch jeder, der mit ihm in Verbindung gebracht wurde. Teuflisch und psychologisch genial mit verheerender Wirkung.
Scheinbar gehe ich hier an der Überschrift vorbei. Aber was, wenn man "Jude" und "jüdisch" durch "Terrorist" und "terroristisch", "Weltjudentum" durch "internationalen Terrorismus" ersetzt und unsere aktuelle Medienberichterstattung unter dem Gesichtspunkt des (objektiv unzulässig) verallgemeinerten Feindbildes betrachtet? Ist der "Kampf gegen den Terrorismus" eine Neuauflage des "jüdischen Krieges" der Nationalsozialisten? Schließlich werden weltweit Kriege bereits so legitimiert, sei es gegen Tschetschenien, Afghanistan, Irak, Palästinenser oder (in Vorbereitung) Nordkorea und Iran.
Wie gesagt, der Faschismus ist vielgestaltig und seine irreführenden Feindbilder sind veränderlich. Unverändert bleibt sein Charakter: die offene Gewaltanwendung gegen politische und ideologische Gegner der untergehenden Klassengesellschaft Kapitalismus. Derzeit lässt sich die kapitalistische Ideologie noch die Wahl offen und bietet verschiedene Feindbilder an - um sich abhängig von der gesellschaftlichen Entwicklung des für das Kapital brauchbarsten zu bedienen.
Torsten Reichelt 2003