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Ukraine Dieser Krieg ist zu sehen, zu ahnen, zu fürchten – denn er findet in einem Teil Europas statt. Das darf den Blick auf seine Vorgeschichte und die Rolle des Westens nicht vollends verstellen, soll es eine Perspektive für die Zukunft geben
Wer die Schuld eines Krieges auf sich lädt, kann keine unschuldige Sache vertreten. Das galt für die USA 2003 im Irak, das gilt für Russland 2022 in der Ukraine. Und doch gibt es bei der hiesigen Wahrnehmung dieser Intervention einen gravierenden Unterschied, messbar am Grad der Betroffenheit, an Angst, Wut und Verunsicherung. Wenn ein Teil Europas zum Kriegsschauplatz wird, dann überwältigt der Eindruck: Dieser Krieg ist zu hören, zu sehen, zu ahnen, zu fürchten. Er spielt sich vor der eigenen Haustür ab, nicht in der Bergwelt des Hindukusch. Es gab Jugoslawien, Irak, Afghanistan, Serbien und Libyen, es gibt Jemen, Syrien und Mali. Man sah 2003 die Fernsehbilder der von Raketen getroffenen Häuser in Bagdad, aus denen kein Bewohner mehr gezogen werden konnte, weil man keinen mehr fand. Das alles verblasst, wenn mitten in Europa gekämpft und gestorben, gelitten und geflohen wird wie seit den jugoslawischen Bürgerkriegen vor einem Vierteljahrhundert nicht mehr.
Einer von vielen Kommentaren:
Einer der besten Artikel im gesamten deutschsprachigen Blätterwald zum Ukrainekrieg, danke. Er bringt ziemlich genau auf den Punkt, was ich zur Zeit denke, wahrnehme und empfinde. Ohne Putin zu stark verstehen zu wollen, aber die Reaktionen des Westens im Zusammenhang mit der humanitären Situation der ukrainischen Bevölkerung wirken angesichts des Irakfeldzuges 2003 geradezu geheuchelt. Das Schicksal der irakischen Zivilbevölkerung war dem „Embedded Journalism“ und der Politik damals doch vollkommen egal. Statt dessen eine Bilderflut aus Baghdad, die aus dem ganzen Angriffskrieg ein Spektakel zu machen versucht hat. Die Massenvernichtungswaffen will ich gar nicht mehr erwähnen. Nun greift der Russe halt zu den gleichen Mitteln. Und China wohl auch. Das ist die neue, multipolare Weltordnung.
Hermann Hesse hat einmal geschrieben, die Zeit zwischen zwei Epochen sei die gefährlichste. Genau da befindet sich die Welt. Was das bedeutet? Ganz einfach: Noch mehr Krieg. Wer will, kann ja jetzt Rüstungsaktien kaufen: Northrop Gruman, Lockheed Martin, Rheinmetall, Krauss-Maffei, Dassault Rafaele, usw. Ist aber nur etwas für abgebrühte Zyniker. Man muss langsam wirklich aufpassen, nicht zum Misanthropen zu werden.