Die Banalität des Bösen ist allgegenwärtig
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Banalität des Bösen ist immer noch aktuell
Aktuell wiederum ist die Erkenntnis von der Banalität des Bösen deshalb, weil es dabei letztlich um gewisse Verhaltensweisen geht, die keineswegs auf die Jahre zwischen 1933 und 1945 beschränkt sind. Im Gegenteil: Wann immer ich die Verantwortung für das, was ich tue oder lasse, anderen in die Schuhe schiebe, öffne ich aufgrund dieser selbstverschuldeten moralischen Unmündigkeit der Banalität des Bösen Tür und Tor.
Nehmen wir ein drastisches Beispiel: Moralisch gesehen ist noch gar nichts gewonnen, wenn ich Nazis bloß böse finde, weil mein Vater es auch tut, oder Fridays for Future bloß gut finde, weil meine Tochter es auch tut. Moralität im eigentlichen Sinne ist erst dann überhaupt möglich, wenn ich das verhängnisvolle Outsourcing moralischer Verantwortung beende und für mein eigenes Handeln persönlich einstehe.
Kein anderer kann einem Verantwortung abnehmen
Anders gesagt: So sehr ich mich an anderen orientieren kann, um möglichst viele Gesichtspunkte in ein Werturteil miteinzubeziehen, so wenig können andere dieses Urteil für mich fällen, ohne zugleich seinen moralischen Wert zu schmälern. Weder geistliche noch weltliche Autoritäten, kein Papst und keine Kanzlerin, keine Glaubenskongregation oder Ethikkommission sind an meiner statt moralisch handlungsfähig. Ich allein bin für mein Tun und Lassen selbst verantwortlich, kein anderer kann mir diese Verantwortung abnehmen.
Dass dies besonders betont werden muss, liegt nicht zuletzt daran, dass die Banalität des Bösen auch heute allgegenwärtig ist. Sie gedeiht im kranken Burnout-Kapitalismus der Selbst- und Fremdausbeutung ebenso prächtig wie in mehr oder minder gelenkten Demokratien, die Alternativlosigkeit säen und Politikverdrossenheit ernten.
Das Banale im Aktionismus oder amoralischen Desinteresse
Dabei äußert sich die Banalität des Bösen wahlweise als hypermoralischer Aktionismus oder amoralisches Desinteresse. Wer in fanatischer Mission andere gleichermaßen voreilig wie selbstgerecht an den Pranger stellt, der leistet ihr ebenso Vorschub wie jene Alltagsnihilisten, die einfach nur ihre Ruhe haben und irgendwie über die Runden kommen wollen.
Der programmatische Titel eines populären Hannah-Arendt-Aufsatzes lautet: „Die Freiheit, frei zu sein“. Dieser Titel birgt im Kern das große Versprechen offener Gesellschaften, das ohne pluralistisch aufgeklärten ethischen Individualismus, ohne freie Willensbildung freier Bürger nicht einzulösen ist. Natürlich garantiert diese Selbstbehauptung des Individuums mitnichten, dass alles gut wird, aber sie widersteht wenigstens den Versuchungen der Selbstentmündigung, deren diabolische Ausgeburt die Banalität des Bösen darstellt.