Paracelsus
Als Ahnherr der Naturmedizin im deutschen Sprachraum gilt der Arzt und Naturforscher Theophrastus Bombastus
von Hohenheim (1493 - 1541), der sich "Paracelsus" nannte.
Phillippus Aureolus Theophrast Bombastus von Hohenheim, Sohn des
Arztes Wilhelm Bombast von Hohenheim (gestorben 1534 in Villach, Kärnten), wurde am 10. November 1493 oder
1494 in Einsiedeln in der Schweiz geboren und starb am 24. September 1541 in Salzburg.
Eine Taufurkunde mit seinem exakten Namen wurde nie gefunden; auch bei seinem ursprünglichen Namen handelt es
sich um eine Rekonstruktion anhand unterschiedlichster erhaltener Dokumente.
Der Vorname Theophrastos erinnert an den antiken Botaniker Theophrastos von Eresos (371-288 v. Chr.), mit dem
man sich in Paracelsus Familie verstärkt beschäftigte.
Schon als Kind nahm er regen Anteil am Beruf des Vaters, und es war seine größte Freude, wenn er ihn bei der
Behandlung von Patienten begleiten durfte.
Als Paracelsus älter wurde, nahmen ihn seine Eltern beim Sammeln von Heilpflanzen mit. Dabei zeigten sie ihm die
Eigenschaften der Pflanzen und deren Wirkung. Zu Hause sah er dann gespannt, wie die Kräuter erst getrocknet und
pulverisiert, später mit Mineralien und anderen Zutaten zu Arzneimischungen verarbeitet wurden, deren
Zusammenstellung, Sinn und Zweck der Vater seinem wissbegierigen Sprössling geduldig veranschaulichte. Diese
Kindheitserfahrungen prägten ihn für sein späteres Leben.
In Villach, wo der Vater als Stadtarzt beschäftigt war, besuchte er die höhere Schule und wurde anschließend
Lehrling bei einem berühmten Alchimisten. Hier lernte er alles über das Wesen und die Eigenschaften der Metalle,
Salze und Gesteine. Insbesondere sammelte er Erfahrungen in der Scheidekunst, Gold, Quecksilber, Arsen, Antimon in
möglichst reiner Form zu gewinnen.
Nach dem Studium im italienischen Ferrara wurde Paracelsus mit einundzwanzig Jahren Doktor der Medizin. Es
reizte ihn jedoch nicht, sich als Arzt niederzulassen und ein bürgerliches Leben zu führen. Stattdessen trieben ihn
Abenteuerlust und Wissensdurst in die Ferne. Zu Fuß und zu Pferd, auf Karren und Schifferbooten durchquerte er ganz
Europa von Süd nach Nord, von West nach Ost. Ohne Doktortalar, Barett und Kette unter fahrendem Volk, Gauklern,
Zigeunern. Wo er rastete, behandelte er die Kranken, ohne dabei einen Unterschied zwischen Arm und Reich zu
machen.
Wegen seiner außergewöhnlichen Heilerfolge erwarb er sich im Lauf der Jahre den Ruf eines Wunderdoktors. Sehr
zum Ärger der etablierten Ärzteschaft, die ihn der Quacksalberei bezichtigte und mit Hass und Verachtung
strafte.
Tatsächlich war Paracelsus unter den Medizinern seiner Zeit ein krasser Außenseiter, und er selbst tat alles, um
die Kluft noch zu vertiefen. Er hatte den Mut, die geltenden Lehren öffentlich als Irrlehren anzuprangern. Seine
Kollegen, bei denen die Erkenntnisse des Hippokrates nichts mehr galten, nannte
er "Kurpfuscher, Ölgötzen, Leutebescheißer", die nur an ihre eigenen Geldbeutel dächten. Einigen berühmten
Medizinpäpsten warf er sogar vor, sie füllten die Kirchhöfe mit ihrer "Mörderei". Überliefert ist von ihm der
Ausspruch: "Viele Herren und Kaiser müssen vorzeitig sterben, weil ihre Ärzte ihnen mehr zum Tode als zum Leben
verhelfen."
Auch die Apotheker machte er sich zu Feinden, indem er sie als Helfershelfer der Ärzte und Hersteller von
"Drecksmedizin" bezeichnete. Völlig zu Recht übrigens, denn die Arzneien und Medikamente bestanden zu jener Zeit
überwiegend aus Stoffen wie zerriebenen mumifizierten Leichenteilen oder getrockneten und mit Kräutern vermischten
Exkrementen. Die Medizin befand sich zur Zeit von Paracelsus auf einem absoluten Tiefpunkt - Unwissen, Geldgier,
Borniertheit sowie Menschenverachtung prägten das Bild der Heilberufe.
Es konnte auch kaum anders sein in einer Epoche, in der überall in Europa Hexenprozesse stattfanden und
Scheiterhaufen loderten. Paracelsus wetterte gegen den pervertierten Zeitgeist und beklagte das schreckliche
Schicksal der unschuldigen Opfer. Doch es war ein Kampf gegen Windmühlenflügel, der ihm nichts anderes einbrachte
als den Zorn der mächtigen Beamtenschaft. Sicher trug das auch mit dazu bei, dass ihm viele seiner hochgestellten
Patienten das vereinbarte Honorar verweigerten, nachdem Paracelsus sie geheilt hatte.
Nur selten kam er in einer Stadt vorübergehend zur Ruhe. So etwa in Straßburg, wo er an der Schule für
Wundarznei lehrte. Oder in Basel, wo man ihm eine Stelle als Stadtarzt und Universitätsprofessor angeboten hatte.
Das verdankte er der Fürsprache eines einflussreichen Patienten, dessen Bein er vor der Amputation bewahren
konnte.
Doch er selbst sorgte dafür, dass diese Episoden nie sehr lange dauerten. Allzu sehr war er von dem Wunsch
besessen, die Medizin zu reformieren und der reinen Lehre des Hippokrates den Weg zu bereiten. In seinem heiligen
Zorn auf die Bewahrer des Rückschritts kannte er keine Grenzen. Er klagte an, er schmähte und schreckte selbst vor
Tätlichkeiten nicht zurück. Beispielsweise drang er in Apotheken ein und warf die Töpfe und Tiegel mit
"Drecksmedizin" hinaus auf die Gasse. Zwangsläufig verschwor sich alles gegen den unbequemen Mann. Selbst seinen
Gönnern wurde er lästig, so dass sie ihn schließlich weiterziehen ließen.
Umso erstaunlicher, dass Paracelsus trotz dieses unsteten, strapaziösen Lebens an die zweihundert
wissenschaftliche Werke hinterlassen konnte. In diesen Werken sind zahlreiche Behandlungsanweisungen für
Krankheiten aller Art niedergeschrieben. Die dabei verwendeten Arzneien hatte Paracelsus entweder selbst entwickelt
oder auf seinen Reisen von weisen Frauen und Männern erfahren. Stets aber waren es Heilmittel aus der
"Natur-Apotheke", die dem Kranken keinerlei Schaden zufügen sollten.
Mit neuen Methoden erforschte Paracelsus die Wirkung des Wassers auf den Menschen und wurde damit zum geistigen
Vater der Bäderheilkunde - lange vor Sebastian Kneipp.
Paracelsus fand neue Wege zur Behandlung von Nieren- und Gallensteinen, Gicht und Rheuma. Er schrieb ein
wegweisendes Werk unter dem Titel „Die große Wunderarzney“ sowie eine Generalabrechnung mit der
medizinischen Wissenschaft : "Vom Irrgang der Ärzte" (Labyrinthus medicorum errantium).
Als erster in dieser Epoche wissenschaftlicher Finsternis erkannte er den Menschen als Spiegelbild des Kosmos,
der von Gestirn und Erde, Klima, Erbmasse und Imagination zum Individuum geformt wurde. Und es stand für ihn
zweifelsfrei fest, dass Leib und Seele eine untrennbare Einheit darstellten.
Woher kommt der Name Paracelsus?
Der Name Paracelsus erscheint erstmalig auf dem Titel einer 1529 in Nürnberg gedruckten Schrift. Die
Herkunft des Namens ist nicht eindeutig geklärt und bildete insofern die Grundlage für unterschiedlichste
Spekulationen und Deutungen.
Von griechisch Para für „bei, neben“ wie in Paragraph, über „falsch, daneben“ wie in Parapsychologie oder
„ähnlich“ wie in Parasit bis zu lateinisch „Para“ für Tischgast wurden im Laufe der Jahrhunderte verschiedenste
Interpretationen erwogen.
Celsus wiederum bedeutet nicht nur erhaben und hochherzig, sondern bezeichnet Aulus Cornelius Celsus,
einen um 25 vor Christi geborenen Verfasser römischer Medizinschriften. Seine auf Ansätze des Griechen Hippokrates
aufbauenden Enzyklopädien erstreckten sich auf zahlreiche Sachgebiete: Neben der Medizin (mit Geschichte,
allgemeiner Pathologie, Pharmakologie und Chirurgie) gehörten auch Landwirtschaft, Jura, Militärwesen sowie
Rhetorik und Philosophie zu seinem Kompetenzbereich.
Zahlreiche, noch heutige in der Medizin akzeptierte lateinische Termini wie etwa in Bezug auf die so genannten
vier Grundzeichen lokaler Entzündungen (Tumor, Calor, Rubor und Dolor) gehen auf Celsus zurück.
1426 wurde Celsus medizinische Enzyklopädie wiederentdeckt und gedruckt. Die Hippokratiker waren Verfechter der
Viersäftelehre.
Wenngleich Paracelsus für eine Abkehr von der antiken Medizin nach Celsus plädierte, fehlt jegliches Indiz für
die Annahme, Paracelsus müsse mit Celsus hier in irgendeinen Zusammenhang gesetzt werden: Paracelsus erwähnt (etwa
im Gegensatz zu Theophrastus Thirthemius) in seinen Schriften an keiner Stelle den Namen Celsus.
Wahrscheinlicher scheint, dass es sich bei „Paracelsus“ und eine nach Art der Zeit übliche Latinisierung des
Namens Hohenheim handelt, u. a. belegt durch die Tatsache, dass der Mediziner diesen in den prognostischen
Schriften nie als Pseudonym, sondern immer kombiniert mit weiteren Namen (aber nie mit Hohenheim zusammen)
verwendet.
Paracelsus und die moderne Arzneimittellehre
Paracelsus erkannte das Vorhandensein biologisch-chemischer und physikalischer Vorgänge und zog daraus den
Schluss, dass auch Krankheiten ihre Ursache im Wirken chemischer Substanzen haben mussten. So war er von der Kraft
des Elixiers Gold fasziniert, dem er eine körpererhaltende, krankheitsbekämpfende und krankheitsvorbeugende Wirkung
zuschrieb. Hierbei wurden Auszüge der wirksamen Heilfaktoren in Form von Aurum Potabile verabreicht.
Auf der Suche nach einer neuen Form der Heilkunst wollte er sich nicht länger auf Hergebrachtes stützen, sondern
eigener Anschauung und Erfahrung vertrauen. Er brach mit der hippokratisch-galenistischen Arzneimittelkunde, die
die Wirkung pflanzlicher Heilmittel propagierte. Die Chemiatrie des 16. und 17. Jahrhunderts, Grundlage moderner
Arzneimittellehre, stützt sich auf Paracelsus Überlegungen. Paracelsus bekannteste These: „Die Menge macht das Gift
(Dosis facit venenum).“
Heilen im Sinne der Ganzheitlichkeit
Umwelteinflüsse und Psyche spielten innerhalb von Paracelsus ganzheitlicher Betrachtungsweise eine entscheidende
Rolle: Statt an Symptomen herumzudoktern, war Paracelsus an den Ursachen interessiert. Entsprechend richtete er
sich gegen die damalige Auffassung, ausschließlich aus Werken der Antike zu lernen, statt die Kranken an ihren
Betten aufzusuchen.
Paracelsus Philosophie: Heilung wird als Wiedereinführen des Patienten in die göttliche und
harmonische Ordnung der Natur mit ihren schützenden Gesetzmäßigkeiten verstanden. Wird gegen diese Ordnung
verstoßen, halten Disharmonie und Chaos und damit Erkrankungen von Seele und Körper Einzug.
Paracelsus nahm sich in aktiver Nächstenliebe des Kranken an: Er wollte heilen, nicht nur „reparieren“. Medizin
wurde von Paracelsus als göttlicher Auftrag verstanden, seine Philosophie begreift das Universum (Makrokosmos) wie
den Menschen (Mikrokosmos) als untrennbares Ganzes. Ausgehend von dieser Prämisse erscheint es verständlich, dass
sich jeder Einzelne dem Wohle des Ganzen, der Gesellschaft und seinem Nächsten verpflichtet fühlt.
Paracelsus suchte den direkten Kontakt zu unzähligen Kranken, auch im Rahmen seiner Tätigkeit als Militärarzt.
Der Humanist Paracelsus wandte sich von den scholastischen Einschränkungen der zeitgenössischen Medizin ab, hin zu
Lebensbejahung, Individualität und Humanitas - Menschlichkeit.
Paracelsus starb im Alter von nur 48 Jahren, relativ einsam, ohne Freunde und Vermögen. Erst weit nach seinem
Tod Verstand man den Weitblick und die Genialität des Mannes, der von seiner Umwelt gehasst, verachtet, verleumdet
und verspottet wurde.
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