Intoleranz gegen Lebensmittel: Erkennen und Leben mit Nahrungsmittelunverträglichkeiten

Eine Nahrungsmittelunverträglichkeit (Intoleranz) zeigt sich durch Überreaktionen des Körpers auf bestimmte Nahrungsmittel oder deren Bestandteile und Zusatzstoffe. Je nach Reaktion unterscheidet man Allergie, Intoleranz, Vergiftung und Aversion.

Die Auslöser müssen identifiziert werden, um sie künftig zu vermeiden. Die akuten Symptome nach dem Verzehr bestimmter Nahrungsmittel verschwinden dann, allerdings können andere assoziierte Beschwerden aufgetreten sein, die einer weitergehenden Behandlung bedürfen.

Eine angeborene, genetisch bedingte Nahrungsmittelintoleranz zeigt sich meist schon beim ersten Kontakt mit dem unverträglichen Nahrungsmittel. Die erworbene Unverträglichkeit tritt erst Jahren nach dauernder Exposition auf. Dazu gehören die Allergien.

Die Nahrungsmittelallergie

Eine Nahrungsmittelallergie ist eine Überreaktion des Immunsystems auf Antigene bestimmter Lebensmittel, die gewöhnlich gut verträglich sind. Diese nicht genetisch bedingte Unverträglichkeit hat der Körper im Laufe des regelmäßigen Kontaktes mit dem Antigen erworben. Die Gründe dafür sind bisher nicht vollständig verstanden.

Das Immunsystem produziert Antikörper, die durch die Bindung an die Antigene heftige Entzündungs-Reaktionen auslösen. Insbesondere die Ausschüttung von Histamin führt zu teils gravierenden Symptomen. Diese Prozesse erfolgen schon beim Kontakt mit den geringsten Mengen des Antigens.

Die Symptome einer Nahrungsmittelallergie

Nach dem Verzehr des betreffenden Lebensmittels treten starker Juckreiz (Pruritus), Hautrötungen, Nesselsucht (Urtikaria), Schnupfen, Schleimhautschwellungen, Asthma bronchiale, Übelkeit, Erbrechen, Koliken und wässrige Durchfälle auf. In Extremfällen erleiden die Patienten einen anaphylaktischen Schock, der bis zum Herz-Kreislaufversagen führen kann. In den meisten Fällen treten die Symptome unmittelbar nach dem Genuss von Erdbeeren, Äpfeln, Erdnüssen oder anderen Lebensmittel auf.

Der Sofort-Typ

Sofort nach dem Kontakt mit dem Allergen vermitteln zellgebundene Antikörper (IgE) die Ausschüttung von Histamin, Prostaglandinen und Leukotrienen. Diese, auch Typ I genannte Allergieform, betrifft 85 % aller Lebensmittel-Allergiker.

Allergische Reaktion erst nach einigen Stunden

Seltener sind Formen der Nahrungsmittelallergie, bei der es zur Bildung von Immunkomplexen kommt. Immunglobuline koppeln sich an zellgebundene Antigene, sodass das Komplementsystem aktiviert wird.

In der Folge zerstören entweder Killerzellen die antigenpräsentierenden Zellen (Typ II oder zytotoxischer Typ) oder es kommt zur Phagozytose („Zellfressen“) der betreffenden Zellen ein (Typ III). Diese beiden Allergieformen gehen mit der Bildung von Immunglobulinen E (IgE) einher. Die fehlgeleitete Immun-Antwort dauert etliche Stunden, wodurch die Identifizierung des Auslösers zunächst erschwert ist.

Die Reaktion kann auch Tage dauern

Mindestens einige Stunden, oft aber erst einige Tage nach dem Kontakt mit dem Allergen erscheinen die Symptome beim Typ IV oder dem sogenannten „Spättyp“. Spezielle Lymphozyten, die T-Helferzellen I, schütten Zytokine wie den Tumor-Nekrose-Faktor alpha aus. Die Botenstoffe führen dann zu den heftigen Entzündungs-Reaktionen. Der Spättyp ist bei Lebensmittel-Allergikern sehr selten.

Die Pseudoallergie

Eine Pseudoallergie ist eine Erkrankung mit allergietypischen Symptomen, ohne eine echte Allergie zu sein. Dabei werden die Beschwerden nicht durch eine Antigen-Antikörper-Reaktion ausgelöst. Dennoch kann das Immunsystem beteiligt sein.

Pseudoallergien sind beispielsweise Intoxikationen oder Unverträglichkeiten gegen Lebensmittelzusatzstoffe und Medikamente wie nichtsteroidale Antirheumatika und Antibiotika. Der Terminus der „Pseudoallegie“ ist in der Fachwelt allerdings umstritten. Am treffendsten beschreibt der Oberbegriff noch die Histaminintoleranz.

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Die Histaminintoleranz

Histamin ist ein Botenstoff des Immunsystems und für heftige Entzündungs-Reaktionen verantwortlich. Das biogene Amin wird nicht nur im Körper bei Bedarf produziert, sondern ist auch in vielen Lebensmitteln enthalten.

Wie bei jedem Hormon steuert der Körper den Bedarf an Histamin durch Synthese einerseits und Abbau andererseits. Einige Menschen leiden an einer gestörten Produktion derjenigen Enzyme, die Histamin abbauen, wodurch es zur Anreicherung von Histamin kommt.

Der Enzym-Mangel betrifft dann die Diaminoxidase (DAO) und die Histamin-N-Methytransferase (HNMT). Ein Defizit dieser Enzyme ist besonders dann ungünstig, wenn stark Histamin-haltige Lebensmittel wie Schokolade, Hartkäse, Wein oder Bier verzehrt werden.

Zöliakie und Glutensensitivität

Einige Menschen leiden nach dem Genuss von Weizen und anderen Getreiden an Bauchschmerzen, Durchfall und Blähungen. In diesem Fall kann eine Zöliakie vorliegen, die sogar zu krankhaften Veränderungen der Darmschleimhaut führen kann.

Diese Zottenatrophie kann Entwicklungsstörungen zur Folge haben, weil die Erkrankung oft schon im Kindesalter aufflammt. Auch Depressionen sind häufig mit den heftigen Beschwerden verbunden. Die Zöliakie gehört nicht zu den Allergien, trotzdem sind durch den Krankheitsverlauf die Werte der Immunglobuline A erhöht.

Aufgrund der Beteiligung des Immunsystems ist die Darmstörung mit Autoimmunkrankheiten vergesellschaftet. Daher leiden die Patienten parallel unter Hashimoto-Thyreoiditis, Diabetes Typ I oder Arthritis.

Eine ähnliche Erkrankung ist die Glutensensitivität, die aber neben den Magen-Darm-Beschwerden keine ernsten Folgeerkrankungen zeitigt. Wenn die Symptome nach dem Verzehr von Weizen auftreten, die Immunglobuline E aber nicht  erhöht sind, handelt es sich um eine Glutensensitivität und nicht um eine Weizenallergie.

Ursachen umstritten

Die Zöliakie und die Glutensensitivität werden nach allgemeiner Auffassung von den Klebereiweißen im Weizen und nah verwandten Gräserfrüchten ausgelöst. Doch schlüssig erweisen ist das nicht, andere Überlegungen suchen die Ursachen in der modernen Landwirtschaft.

Getreidezüchter sind bemüht, Sorten mit starker Resistenz gegen Schädlinge hervorzubringen. Dadurch wächst die Konzentration entsprechender sekundärer Pflanzenstoffe in den Feldfrüchten. Auch diese biogenen Verbindungen könnten die Weizenunverträglichkeit verursachen.

Unspezifische und funktionelle Intoleranzen

Verdauungsbeschwerden treten auch auf, wenn die Nahrung schlecht abgebaut oder unvollständig resorbiert wird. Hier kommen einige Ursachen infrage wie ein Mangel an Verdauungs-Enzymen wie bei einer Gallen-Problematik oder einer verminderten Spaltung der Kohlenhydrate.

Oft sind die genauen Auslöser nicht exakt zu benennen, daher spricht der Arzt von „unspezifischen Nahrungsmittelunverträglichkeiten“. Bei den funktionellen Unverträglichkeiten ist die Darm-Motorik beeinträchtigt, wodurch der Nahrungsbrei weniger durchmischt und die Verdauung verlangsamt wird.

Diese nicht immer leicht zu definierenden Störungen können erworben, angeboren oder multifaktoriell bedingt sein.

Erworbene Intoleranzen nehmen zu

Die Fachwelt nimmt mit Besorgnis zur Kenntnis, dass Nahrungsmittelunverträglichkeiten immer häufiger werden. Inzwischen sind 50 % aller Menschen betroffen und in Deutschland klagen über 30 % unter mindestens einer Allergie. Bei insgesamt 3 % der Erwachsenen und 4 % aller Kinder sind Lebensmittel die Auslöser. In Anbetracht dieser Zahlen stellt sich die Frage, welche Faktoren die Erkrankungen fördern.

Wahrscheinlich ein Ernährungsproblem

Die Flut neuer Chemikalien in unserer Umwelt wächst ständig und löst im Organismus zahlreiche unerwünschte Reaktionen aus. Auch in unserer täglichen Nahrung tummeln sich Verbindungen, mit denen wir in unserer Evolution bisher nicht konfrontiert waren.

Das gilt besonders dann, wenn wir vorwiegend industriell bearbeitete Lebensmitteln essen. Es sind nicht nur die Konservierungs-, Farb- und andere Hilfsstoffe, sondern auch die beim Produktions-Prozess abgewandelten biologischen Bestandteile. So sind die Proteine in dem Fabrik-Food oft verändert, aber den biogenen Ursprungs-Substanzen noch sehr ähnlich.

Damit scheint eine Überforderung des Immunsystems einherzugehen, gerade weil die Ketten-Moleküle aufgrund ihrer abgewandelten Struktur nicht mehr vollständig verdaut werden können. Den ersten Kontakt mit den Triggern hat das darmeigene Immunsystem, weswegen die auch die ersten Beschwerden dort auftreten.

Immunsystem aus der Balance

Die Irritation der Körperabwehr zeigt sich bei vielen Nahrungsmittelunverträglichkeiten an Labor-Befunden auch dann, wenn keine Antigen-Antikörper-Reaktionen zu direkten Beschwerden führen. Bei Reihenuntersuchungen an Patienten mit Nahrungsmittelintoleranzen waren oft die Konzentrationen der Immunglobuline G4 (IgG4) erhöht. Auch die Zahl der T-Helferzellen 1 (TH1) war ungewöhnlich hoch.

Diese Ergebnisse betrafen vielfach auch Menschen mit Tumor-Erkrankungen, was auf einen Zusammenhang der Intoleranzen mit der Krebsentstehung hindeutet. Seit langem ist bekannt, dass eine unausgewogene TH1/TH2-Balance erhebliche Langzeit-Risiken in sich birgt.

Die Ernährung sollte möglichst natürlich sein. Immer mehr wird eine gesündere, das heißt naturbelassene Ernährung aus frischen Zutaten gefordert. Dies muss vor dem Hintergrund der zunehmenden, erworbenen Nahrungsmittelintoleranzen an dieser Stelle nochmals unterstrichen werden.

Angeborene Enzym-Defekte

Die wichtigste therapeutische Maßnahme bei allen Nahrungsmittelunverträglichkeiten ist die Vermeidung des verursachenden Lebensmittels. Das gilt nicht nur für die erworbenen, sondern auch für die genetisch bedingten Intoleranzen. Dazu zählen die Enzym-Defekte, bei denen Stoffwechsel-Enzyme durch fehlerhafte DNA-Abschnitte nicht richtig funktionieren oder völlig wirkungslos sind.

Die Laktoseintoleranz

Die Intoleranz gegen Laktose (Milchzucker) beim Erwachsenen ist die Folge einer zu geringen oder völlig unterbleibenden Produktion des Verdauungs-Enzyms Laktase. Diese Laktoseintoleranz) führt zu einer Malabsorptionen (mangelhafte Aufnahme) von Milchzucker, der unverdaut in den Dickdarm geleitet wird.

Dort metabolisieren Bakterien das Disaccharid und es kommt zu Blähungen, Bauchschmerzen und vor allem Durchfall. Menschen mit dieser Störung müssen Milch und Milch-Produkte vom Speisezettel streichen oder Laktase in Tablettenform einnehmen, wenn sie Milchzucker verzehren.

Die Fruktoseintoleranz

Auch die angeborene Fruktoseintoleranz beruht auf genetisch bedingten Defekten. Bei einem Mangel an dem Leber-Enzym Aldolase kann der Fruchtzucker nicht zu Frucose-1-Phosphat transformiert werden. Das Stoffwechselzwischen-Produkt reichert sich im Körper an und führt über verschiedene biochemische Steuerungs-Mechanismen zu Hypoglykämien.

Unbehandelt kann die Frukstoseintoleranz sogar eine Leberzirrhose zur Folge haben.

Bei der intestinalen Fruktoseintoleranz beruht Unverträglichkeit auf einer Malabsorption des Fruchtzuckers. Bei dieser Erkrankung ist ein Fruktosetransport-Protein in den Dünndarmzellen defekt. Die genetische Störung führt dann im Dickdarm zu Beschwerden, weil der Fruchtzucker dort bakteriell abgebaut wird. Menschen mit diesen beiden Erkrankungen sollten keinen Fruchtzucker konsumieren.

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Beitragsbild: fotolia.com – alexander raths

Dieser Beitrag wurde letztmalig am 28.01.2019 aktualisiert.