Die Studie wurde im Lancet (einem amerikanischen Fachblatt) veröffentlicht. Die Meta-Studie (Auswertung von
bereits durchgeführten Studien) stammt von Aijing Shang et al., des Instituts für Sozial- und Präventivmedizin ISPM
an der Universität Bern (Prof. M. Egger).
Kommentar des Schweizerischen Vereins Homöopathischer Ärztinnen und Ärzte SVHA zur Lancet-Publikation: Are
the clinical effects of homoeopathy placebo effects? Comparative study of placebo-controlled trials of
homoeopathy and allopathy (Aijing Shang et al, Lancet Vol 366, 726-732, 27/8/2005)
Die Homöopathie-Studie von Aijing Shang et al. war Teil des Schweizerischen „Programm Evaluation
Komplementärmedizin“ PEK. Die ISPM-Studie vergleicht 110 Homöopathie- mit 110 gepaarten konventionellen
Studien. Während der letzten zwei Jahre haben die Autoren in den Medien kommuniziert, die Wirkung von
Homöopathie sei ein Placeboeffekt. Die wissenschaftliche Basis für ihre Aussagen haben sie bis zu diesem Jahr
zurückgehalten. Wir sind direkt von der Studie betroffen.
Die Studie aus Bern mag statistisch korrekt sein. Aber ihre geringe Validität und der fehlende Bezug zur
Homöopathie-Praxis sind auf den ersten Blick zu erkennen: Kein einziger qualifizierter Homöopath würde je einen
einzigen Patienten in der klinischen Praxis so behandeln, wie das in einer der 110 Studien präsentiert wird.
Die Studie kann überhaupt keinen Beweis gegen die Homöopathie
erbringen, weil sie nicht die reale individuelle (klassische) Homöopathie misst, wie sie
beispielsweise von den Schweizer Homöopathieärzten praktiziert wird.
Die Studie verwechselt reale homöopathische Praxis mit verzerrten
Studienformen, welche die Basisregeln der Homöopathie verletzen. Die korrekte Wahl
des homöopathischen Heilmittels hängt fast vollständig von der Gesamtheit der individuellen Symptome und
Zeichen eines Patienten ab. Dagegen sind die meisten homöopathischen RTCs standardisierte
Rechtfertigungsversuche mit geringem praktischem Wert und grosser systemimmanenter Wahrscheinlichkeit, falsch
negative Ergebnisse zu erzielen. Sogar die sehr wenigen Studien, in denen klassische Homöopathie analysiert
wurde, sind verzerrt wegen ungenügender Nachkontrollen und zu kurzer Studiendauer im engen RTC-Korsett.
Trotz dieser Schwierigkeiten zeigen drei Viertel der 110
untersuchten Homöopathie-Studien (RTC) sowie die früheren grossen Übersichtsstudien und Meta-Analysen
positive Resultate (Kleijnen et al 1991, Boissel 1996,
Linde 1997, Cucherat 2000, Wein 2002, Mathie 2003, Dean 2004).
Weshalb sind die Berner Resultate des ISPM so negativ?
Das negative Resultat basiert nachhaltig auf einer statistischen Extrapolation einer sehr kleinen Anzahl
(8!) von grossen Untersuchungen mit negativen oder gering positiven Resultaten. Aus Sicht der Homöopathie sind
all die grossen Untersuchungen (Attena et al 1995, Ferley et al 1987, Ferley et al 1989, Mokkapatti 1992,
Rottey et al 1995, Vickers et al 1998, Diefenbach et al 1997, Papp et al. 1998) von geringer Qualität und es
fehlt ihnen jegliche externe Validität.
Ausserdem erachten wir es als unzulässig, die so genannte Funnel Plot-Methode bei
unterschiedlichsten Studien eines komplexen Therapie-Verfahrens anzuwenden und diese in einem einzigen Gefäss,
wie in strikten Arznei-Evaluationsstudien, zusammenzufassen.
Es gibt weitere ernsthafte Bedenken gegen die ISPM-Studie aus Bern. Die Untersuchung ist intransparent. Weder werden Details über die 110
referenzierten Studien bekannt gegeben, noch zeigen die statistischen Grafiken, welche Studie zu welchem
Resultat gehört.
Die Studie erscheint als Black-Box: Der Leser hat die Resultate zu glauben oder muss die Untersuchungen
selber analysieren. Ausserdem ist die Auswahl der Studien fragwürdig.
Die Autoren geben sich zuversichtlich, nahezu alle veröffentlichten Studien identifiziert zu haben.
Berücksichtigt man aber nur die wenigen oben genannten Übersichtsstudien und Meta-Analysen, so findet man
300 bis 400 homöopathische RTCs. Deshalb ist die ISPM-Studie unvollständig und verletzt die Standards und
Regeln der Cochrane Collaboration.
Eine detailliertere Analyse von homöopathischer Seite findet sich in der „Stellungnahme des Schweizerischen
Vereins homöopathischer Ärztinnen und Ärzte SVHA zur Homöopathiestudie des Instituts für Sozial- und
Präventivmedizin ISPM Bern („Eggerstudie“)“ vom 21. April 2005.
Die Schlussfolgerung der Autoren, dass die homöopathische Wirkung auf Placeboeffekten beruhe, ist
wissenschaftlich unhaltbar. Wir sind erstaunt, wie und weshalb das Lancet diese Tatsachen ignoriert und das
Ende der Homöopathie („the end of homeopathy“) verkündet.
Mehrere besser geeignete epidemiologische Studien (Beobachtungsstudien, z.B. Güthlin et al. 2004,
Becker-Witt et al. 2004) der letzten Jahre sowie die kürzlich veröffentlichte Studie der Universität Bern über
ADS (Frei et al. 2005) sprechen für eine hohe Zweckmässigkeit und Wirksamkeit der Homöopathie in der klinischen
Praxis.