Allerdings habe ich weiter recherchiert:
Prof. Dr. Jürgen C. Frölich forderte bereits in den 1990er und frühen 2000er Jahren eindringlich den Einsatz von computergestützten Programmen zur Vermeidung von Medikationsfehlern.
Hier sind die Details zu seiner Forderung und dem daraus entstandenen Programm:
1. Frölich entwickelte an der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) ein Arzneimittelinformationssystem (AIS), das später unter dem Namen TheraOpt kommerziell vertrieben wurde.
- Funktionsweise: Es handelte sich um eine Software für Ärzte und Krankenhäuser (ein sogenanntes CPOE-System mit „Clinical Decision Support“). Beim Eingeben einer Verordnung prüfte das System automatisch:
- Wechselwirkungen zwischen allen vom Patienten eingenommenen Medikamenten.
- Überdosierungen (basierend auf Alter, Nierenfunktion und Gewicht).
- Kontraindikationen (z. B. Allergien oder Vorerkrankungen).
- Ziel: Das System sollte den Arzt während des Verschreibens warnen, bevor der Fehler passiert („Real-time-Check“), anstatt sich nur auf das Wissen des einzelnen Arztes zu verlassen, das bei Tausenden von Wirkstoffen an Grenzen stößt.
- Der kommerzielle Vertrieb von TheraOpt durch Prof. Fröhlich und seine Firma lief von 2005 bis 2009.
- Ende: Im Jahr 2009 wurde das System von der ID GmbH & Co. KGaA (heute Teil der ID Health) übernommen. Die Atheso GmbH wurde aufgelöst.
- Weiterentwicklung:
- Die ID GmbH integrierte TheraOpt in ihre eigenen Krankenhausinformationssysteme (z. B. ID DIACOS).
- Die Funktionen von TheraOpt (insbesondere die Dosisprüfung und Wechselwirkungsanalyse) leben heute in Modulen wie ID PHARMA CHECK weiter und werden von der ID GmbH an Krankenhäuser und KIS-Anbieter vertrieben.
2. Prof. Frölich argumentierte, dass die enorme Zahl an verfügbaren Medikamenten und wissenschaftlichen Publikationen von keinem Arzt mehr im Kopf behalten werden kann.
- Er forderte eine flächendeckende Einführung solcher Systeme in allen Arztpraxen und Krankenhäusern.
- Er kritisierte scharf, dass solche Systeme trotz verfügbarer Technologie (schon um 2000) nicht Standard wurden, und machte das Informationsdefizit für einen Großteil der ca. 58.000 jährlichen Todesfälle durch Arzneimittel in Deutschland verantwortlich.
- Sein Motto war sinngemäß: „Was man nicht im Kopf haben kann, muss im Computer sein.“
3. Heutige Situation (2026) Die Forderungen Fröhlichs haben sich langfristig durchgesetzt, wenn auch langsamer als von ihm gewünscht:
- AMTS-Software: Heute ist der Einsatz von Software zur Arzneimitteltherapiesicherheit (AMTS) in Krankenhäusern und vielen Praxen Standard (z. B. Module in KIS-Systemen wie SAP, ID-Healthcare oder speziellen AMTS-Tools).
- Gesetzliche Verankerung: Der aktuelle Aktionsplan AMTS 2026–2029 des Bundesgesundheitsministeriums fordert explizit die weitere Digitalisierung und den Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI) zur Prüfung von Medikationsdaten in der elektronischen Patientenakte (ePA), genau in dem Sinne, wie Frölich es vor Jahrzehnten prognostiziert hat.
- TheraOpt: Das von Frölich entwickelte System „TheraOpt“ wurde 2009 von der ID GmbH übernommen und ist heute Teil moderner Krankenhausinformationssysteme.
Fazit: Das von Ihnen gesuchte Programm ist das AIS (später TheraOpt).
Frölich war ein Pionier, der schon früh erkannte, dass nur eine intelligente Software die Komplexität der modernen Medikamententherapie sicher beherrschen kann.
TheraOpt existiert nicht mehr als eigenständiges Produkt, sondern als Kernmodul innerhalb größerer AMTS-Lösungen, die gesetzlich und durch den „Aktionsplan AMTS“ des Bundesgesundheitsministeriums gefordert werden.
Die Funktionen von TheraOpt sind heute ein fester Bestandteil moderner AMTS-Software (Arzneimitteltherapiesicherheit).
Laut einer repräsentativen Umfrage des Deutschen Krankenhausinstituts (DKI) aus dem Jahr 2021/2022:
- Nur etwa 25 % der Krankenhäuser nutzten damals eine elektronisch unterstützte AMTS-Prüfung (also Software, die automatisch vor Wechselwirkungen oder Überdosierungen warnt).
: https://www.gelbe-liste.de/apotheke/amts-und-digitalisierung
In Arztpraxen ist die Situation etwas besser, aber auch hier gibt es Unterschiede zwischen der Möglichkeit und der tatsächlichen aktiven Nutzung:
- Verfügbarkeit: Die meisten modernen Praxisverwaltungssysteme (PVS) (z. B. von CGM, Turbomed, Medistar) haben AMTS-Funktionen (wie Therafox oder ifap) bereits integriert oder als Modul verfügbar. Man kann davon ausgehen, dass technisch über 80–90 % der Praxen Zugriff auf solche Tools haben.
- Aktive Nutzung: Ob die Software auch tiefgreifend zur Prüfung genutzt wird (also nicht nur zum Drucken des Plans, sondern zur aktiven Warnung bei jeder Verordnung), hängt stark vom individuellen Arzt ab. Schätzungen gehen davon aus, dass etwa 60–70 % der Ärzte die integrierten AMTS-Checks regelmäßig nutzen, besonders bei Patienten mit Multimedikation.
- Hemmnis: Oft werden die Warnmeldungen aus Zeitmangel oder wegen „Alarmmüdigkeit“ (zu viele falsche Warnungen) ignoriert oder das Modul wird nicht vollständig konfiguriert.
Fazit: Während die technische Ausstattung in Praxen bei über 80 % liegt, nutzen sie tatsächlich nur etwa zwei Drittel der Ärzte aktiv zur sicheren Verordnung. In Krankenhäusern liegt die Quote für echte AMTS-Software-Unterstützung derzeit noch bei nur ca. 25–30 %, soll aber durch aktuelle Fördergelder in den nächsten Jahren stark steigen.
Von einer flächendeckenden, sicheren Nutzung wie von Prof. Frölich gefordert, sind wir also noch entfernt. Aber doch interessant.
Also wenn man in eine Situation kommt, in der man in schulmedizinische Hände fällt, hat es Vorteile, wenn ein Programm zur Arzneimitteltherapiesicherheit genutzt wird. Aber es sollte natürlich auch funktionieren.
Im Fall von Medikamenten, die eine bedingte Zulassung erhalten haben, da man die Nebenwirkungen noch gar nicht alle kennt, hilft so ein Programm aber auch nicht.
Ob Prof. Frölich wirklich an eine ePA gedacht hat, bezweifle ich zudem.
250.000 Klinikfälle wegen Medikationsfehlern. : https://www.apotheken-umschau.de/gesundheitspol…en-1475017.html