Güsse und Gießungen nach Sebastian Kneipp

Informationen aus der Naturheilpraxis von René Gräber

René Gräber

Die Güsse sind eine Erfindung Sebastian Kneipps und erlauben durch ihre Verschiedenheit ein exakt auf die Kondition und Konstitution abgestimmte Anwendung.

Ursprünglich wurden die Güsse mit der Gießkanne durchgeführt, heute verwendet man im häuslichen Bereich ein Gießhandstück, das mittels eines Adapters auf den Brauseschlauch aufgesteckt wird.

Am einfachsten sind die Güsse in/an der Bade- oder Duschwanne auszuführen, in die ein kleiner Holz- oder Kunststoffrost gelegt wird, damit man nicht im abfliessenden Wasser steht!

Die Güsse können kalt, temperiert, wechselwarm und temperaturansteigend gegeben werden. Günstig ist ein Einhandhebelmischer, durch den bei Wechselgüssen schnell von warm auf kalt gewechselt werden kann. Auch der kontinuierliche Temperaturanstieg bei Überwärmungsgüssen ist so einfach möglich.

Bei den Güssen soll das Wasser den Körper gleichmäßig ummanteln, so daß der Temperaturreiz gleichmäßig auf ein exakt abgegrenztes Areal wirken kann. Bei den Güssen ist auf eine lockere und entspannte Körperhaltung, sowie auf eine ruhige und gleichmäßige Atmung zu achten. Es ist sinnvoll, vor dem Kontakt mit kaltem Wasser einzuatmen und während des beginnenden Kaltreizes auszuatmen.

Die für den häuslichen Gebrauch geeigneten Kneippgüsse können allein oder auch mit Hilfe eines Partners gegeben werden. Sie den Überwärmungsgüssen ist ein Helfer notwendig.

Bei Wechselgüssen wird zwischen einem längeren Warm- und einem kurzen (5-8 sec) Kaltreiz gewechselt. Üblich ist ein zweimaliger Wechsel. Bei sehr empfindlichen Personen hat es sich bewährt, den ersten Kaltreiz temperiert und erst den zweiten ganz kalt zu verabreichen.

Wirkungen der Güsse und Wechselgüsse

Kalte Güsse bewirken zunächst eine Engstellung der peripheren Blutgefäße, um den Wärmeabstrom aus der Haut zu verringern. Die kurz darauf einsetzende Gegenreaktion führt zu einer wellenartigen Entspannung der Gefäße mit einer gesteigerten Durchblutung im behandelten Aral (aktive Hyperämie).

Während der Kältebehandlung kommt es zu einem Anstieg des systolischen und diastolischen Blutdrucks, der jedoch während der nachfolgenden Gefäßerweiterung wieder ausgeglichen wird.

Der gesteigerte Energieumsatz nach einer Kältebelastung ist als thermoregulatorische Ausgleichmaßnahme zu verstehen, mit dem Ziel, die abgegebene Wärme zu ersetzen.

Bei Wechselgüssen verlaufen die Gefäßreaktionen zunächst entgegengesetzt. Während der äußeren Wärmeapplikation kommt es zu einer passiven Gefäßerweiterung (passive Hyperämie), die zu einer Senkung des Blutdruckes führt. Gleichzeitig sorgt eine erhöhte Herzfrequenz für eine beschleunigte Blutzirkulation und somit für einen gesteigerten Wärmetransport.

Durch die verminderte Durchblutung der inneren Organe und der Skeletmuskulatur ist der niedrigere Energieumsatz bei äußerer Wärmebelastung zu erklären. Während des nachfolgenden Kältereizes kommt es dann wieder zu den o.a. Reaktionen.

Wechselgüsse stellen somit ein ideales Gefäßtraining dar.

Zusammenfassung:

Kneippsche Güsse sind geeignet

  • das Herz-Kreislaufsystem anzuregen
  • die Elastizität der Gefäße zu erhalten
  • den Stoffwechsel anzuregen
  • die Adaptionsfähigkeit auf wechselnde Temperaturen zu trainieren
  • die Infektanfälligkeit zu verringern
     

Güsse – praktische Anleitungen

Knieguß (kalt):

Der Wasserstrahl wird von der Kleinzehenseite des rechten Fußes über die Außenseite des Unterschenkels eine handbreit über die Kniekehle geführt. Dort wird kurz verweilt (5-8 sec.). Danach wird der Wasserstrahl an der Innenseite des Unterschenkels abwärts geführt.

Am linken Bein verfährt man ebenso. Bevor man jedoch den Wasserstrahl abwärts führt wird zur Verstärkung noch einmal der rechte und dann der linke Unterschenkel begossen. An der Vorderseite erfolgt die gleiche Linienführung wie an der Rückseite. Das Verweilen und Verstärken wird eine handbreit über die Kniescheibe durchgeführt.

Zum Abschluß werden die Fußsohlen begossen.

Für die Selbstanwendung kann der Knieguß auch in vereinfachter Form angewendet werden. Zuerst wird der rechte Unterschenkel an Rück- und Vorderseite behandelt, dann der linke. Nach einer Wiederholung werden abschließend noch die Fußsohlen begossen. 

Knieguß (Wechsel)

Die Linienführung beim Wechselknieguß entspricht der des kalten Kniegusses. Es entfällt jedoch das Verstärken. Die Fußsohlen werden im Anschluß an den letzten Kaltanteil begossen.

Spezielle Wirkungen

Kalte Kniegüsse sind angezeigt bei Venenerweiterung (prophylaktisch und kurativ). Wechselkniegüsse sind angezeigt bei chronisch kalten Füßen. CAVE: Bei akuten Nieren- und Blasenerkrankungen und während des Menstruation sollten keine Kniegüsse genommen werden. Vorsicht auch bei Personen mit sehr niedrigem Blutdruck.

Armguß (kalt)

Der Armguß wird seitlich an der Badewanne stehend oder sitzend ausgeführt, wobei der zu behandelnde Arm über der Badewanne hängt. Der Wasserstrahl wird von der Kleinfingerseite der rechten Hand über die Außenseite des Unter- und Oberarmes bis zur Schulterhöhe geführt. Nach kurzem Verweilen geht man über die Innenseite des Armes abwärts.

Am linken Arm verfährt man ebenso und wiederholt dann die Prozedur.

Armguß (Wechsel)

Die Linienführung beim Wechselarmguß entspricht der des kalten Armgusses.

Spezielle Wirkungen:

Kalte und Wechselarmgüsse sind hilfreich bei chronisch kalten Händen. Sie regen den Kreislauf an und wirken reflektorisch auf die Organe im Brustraum. Vorsicht: Keine kalten Armgüsse bei Angina pectoris (Herzbeschwerden).

Gesichtsguß (kalt)

Beim Gesichtsguß wird der Wasserstrahl von der rechten Schläfenseite über die Stirn zur linken Schläfe und wieder zurück zur rechten Seite geführt. Die rechte Gesichtshälfte wir mit mehreren senkrechten Strichen begossen. Dann erfolgt in gleicher Weise die Begießung der linken Gesichtshälfte.

Anschließend wird der Wasserstrahl mehrfach kreisförmig um das Gesicht geführt. Nach dem Guß soll das Gesicht abgetrocknet werden.

Spezielle Wirkungen

Der Gesichtsguß belebt bei geistiger und körperlicher Ermüdung. Er verbessert die Hautdurchblutung und wird deshalb auch als „Schönheitsguß“ bezeichnet. Bei akuten und chronischen Neben- und Stirnhöhlenerkrankungen wirkt er sehr gut unterstützend.

Abguß nach einem Bad

Nach warmen Bädern sollte i.A. eine kühle Anwendung erfolgen.

Charakteristisch für einen Abguß ist:

  • er wird kalt oder temperiert gegeben
  • er wird zügig ohne Verweilen und Verstärken durchgeführt
  • es werden nur die Körperteile abgegossen, die durch das vorangegangene Bad erwärmt wurden.

Spezielle Wirkungen

Die durch den thermischen Reiz und die horizontale Lage veränderten Kreislaufverhältnisse können durch eine kühle Anwendung schneller normalisiert werden. Durch die Engstellung der peripheren Blutgefäße erfolgt ein geringerer Wärmeabstrom.

Der Abguß bildet auch eine gut Abkühlmöglickeit nach einem Saunabad. Die Kreislaufbelastung ist bei einem Abguß wesentlich geringer als beim Tauchbecken.