Die Zahlen des RKI unter Beschuss

Virus in grafischer Darstellung

Der Kölner Medizinprofessor und Infektiologe Matthias Schrappe war früher der Vize-Vorsitzende des Sachverständigenrates Gesundheit. In einem Interview, das kürzlich ZDFheute live mit ihm führte, sagte er, dass er von den durch das Robert-Koch-Institut (RKI) veröffentlichten Infektionszahlen nicht viel halte.

Diese seien ohne jegliche profunde Basis. Ihre hohe Unsicherheit ergebe sich daraus, dass niemand weiß, wie viele Menschen in unserer gesamten Bevölkerung tatsächlich infiziert sind. So könne man doch keine Politik machen und schon gar nicht Freiheitsrechte der Bürgerinnen und Bürger einschränken.

Schrappe verweist weiter darauf, dass COVID-19 eine asymptomatische Krankheit ist, das heißt, es gibt sehr viele Infizierte, die praktisch nichts davon bemerken und, ohne es zu wissen oder zu wollen, unbegrenzt andere Menschen anstecken. Mit den erhobenen Daten oder Antikörper-Studien könne man bestenfalls kumulative Schätzungen vornehmen. Das akute Infektionsgeschehen liegt aber bei nur 1,5 Mio. Tests pro Woche völlig im Dunkel.

Gleich eine ganze Gruppe von Autoren, die Schrappe zustimmen, fordern in ihrem Thesenpapier zufällig ausgewählte Bevölkerungsstichproben. Mehrere Modellrechnungen zeigen auf, übrigens ganz im Gegensatz zu den Einschätzungen von Karl Lauterbach, dass die Dunkelziffer innerhalb der nicht-getesteten Population sehr viel größer ist als die täglich veröffentlichten offiziellen Zahlen neu gemeldeter Infektionen (Melderate).

Die Virologin Corinna Pietsch (Universitätsklinikum Leipzig) dämpft aber die Erwartungen, indem sie darauf hinweist, dass die Labore zurzeit gar nicht in der Lage sind, bundesweite Studien mit vielen zusätzlichen Tests zu stemmen. Schon jetzt seien die Grenzen des Machbaren erreicht, denn nicht mehr jeder PCR-Test kann bearbeitet werden. So seien bestimmte Produkte, die die Labore weltweit dringend brauchen, auf dem Markt gar nicht mehr verfügbar.

Die Autorengruppe plädiert jedenfalls für einen grundlegenden Wechsel in der Corona-Strategie und fordert, ebenfalls im Widerstreit zu den Prioritäten von Karl Lauterbach, einen stärkeren Schutz der verletzlichen (vulnerablen) Bevölkerungsgruppen.

Schrappe hält die Bundesregierung für „beratungsresistent“

Das hehre Ziel, die Inzidenz unter die Marke von 50 Testpositive pro 100.000 Einwohner zu drücken, hält Schrappe von vorne herein für unrealistisch, weil dies in dieser Pandemie-Situation einen „unendlichen“ Lockdown erfordern würde. Selbst das RKI gibt ja zu, dass die Anzahl der akuten Atemwegserkrankungen in der Tendenz erst gegen Ende Januar 2021 zunehmen wird. Insofern sei eine Inzidenzzahl um 50 in den Wintermonaten eine völlige Illusion.

In anderen Ländern ist der Lockdown deutlich härter als in Deutschland durchgezogen worden und trotzdem ist die Situation in diesen Ländern sogar noch schlimmer. Schon die Bezeichnung „Zweite Welle“ findet Schrappe absolut unpassend. Ein Lockdown kann nur ein vorübergehendes Abflachen der Kurve bewirken. Sobald wieder gelockert wird, springen die Neuinfektionen sofort wieder in die Höhe.

Zu viele Ressourcen werden mit der Kontaktnachverfolgung sinnlos verbraten, dadurch bleiben die stark gefährdeten Menschen auf der Strecke. Dass Krankenhäuser und Pflegeheime wahre Infektionsherde sind, weiß man nun schon lange. Die Hälfte der Corona-Todesfälle ist dort angesiedelt. Warum nur verweigert die Bundesregierung hier ein zielgerichtetes Vorgehen?

Die Autoren des Thesenpapiers drängen jedenfalls darauf, die verletzlichen Gruppen in den Mittelpunkt zu stellen. Dies muss allerdings würdevoll geschehen und nicht kurzerhand mit Wegsperren erledigt werden.

Spezielle Hilfsprogramme für die ambulante Pflege könnten die extreme Belastung bestimmter Sparten entzerren. Und was spricht eigentlich dagegen, Studenten, die vielleicht gerade ihren Nebenjob verloren haben, anzulernen, in Seniorenheimen Abstriche zu machen?

Was laut Schrappe auch noch wichtig wäre zu berücksichtigen, ist die Infektiosität der Überträger. Diese lässt sich nämlich leicht aus der Zyklenzahl der PCR-Tests ermitteln. Wenn zum Beispiel bei einem Schüler 38 Zyklen nötig sind, um eine Infektion überhaupt noch vage zu erkennen, dann braucht man nicht seine ganze Schulklasse oder gar die Schule in Quarantäne zu schicken. Solche Überlegungen sollte das RKI unbedingt aufgreifen.

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Beitragsbild: 123rf.com – Galina Peshkova

Dieser Beitrag wurde am 6.12.2020 erstellt.

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