Es ist kaum zu fassen, aber die evidenzbasierte Medizin und ihr pharmazeutischer Wurmfortsatz scheinen zwar besonders effizient bei der Verdammung von alternativen Behandlungsmethoden zu sein, dabei machen sie jedoch genau die Fehler, die sie der Alternativmedizin dauernd vorwerfen. Oder anders gefragt:  Sitzt da jemand im Glashaus und wirft mit Felsbrocken?

Worum geht es?

Die Technikerkrankenkasse initiierte eine Studie bei der Universität Bremen, die abklären sollte, wie innovativ und evidenzbasiert die neueren Medikamente denn nun wirklich sind [docs.dpaq.de/3966-innovationsreport_2013_kurzfassung.pdf]. Das Ergebnis war dann auch niederschmetternd. Nur 1 von 23 neuen Medikamenten wurde das Prädikat „Zusatznutzen“ verliehen. Ein weiteres hatte einen „gewissen“ Zusatznutzen. Alle anderen waren so wirksam wie alte Präparate oder weniger wirksam.

Aber auch bei dem ausgelobten Präparat hätte ich so meine Bedenken. Es handelt sich hier um einen Thrombozytenaggregationshemmer, der auf den Namen „Brilique“ hört (generischer Name Ticagrelor) und Todesfälle aufgrund von Herzkreislauferkrankungen um 1 Prozent senken kann. Dieses eine Prozentchen wird dann vollmundig als „Schutz vor Herzinfarkt, Schlaganfall und Angina Pectoris“ gelobt.

Wer behauptet so etwas? Natürlich der Hersteller selbst, dessen Version dann auch von der Öffentlichkeit als die neue Heilsbotschaft und medizinischer Durchbruch angenommen wird [Fachinformation zu Brilique: ifap.kjm6.de/nlgen/upload/Brilique_April_2011.pdf?]

Witz bei der einprozentigen Schutzsteigerung ist der Vergleich, auf dem dieser „Durchbruch“ beruht. Als Kontrollgruppe wurden Patienten genommen, die mit der Kombination von Acetylsalicylsäure (ASS) und Clopidogrel (ein alter Gerinnungshemmer) behandelt wurden. Die Verumgruppe wurde mit der Kombination von ASS plus Ticagrelor behandelt. Man hat hier also eine verbesserte Wirkung a) im Zusammenspiel mit einem anderen Medikament und b) nur im Vergleich zu einem anderen, älteren Medikament. Dafür sind dann die Kosten mehr als nur 1 Prozent höher im Vergleich zum schlechter abschneidenden Clopidogrel. Letzteres verursacht als Generikum nur 32 Euro Jahrestherapiekosten. Die 1 Prozent weniger Todesfälle müssen der Firma AstraZeneca jährlich mit fast 1100 Euro vergolten werden.

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Da könnte man doch glatt auf den abstrusen Gedanken kommen, einmal eine Studie zu betreiben, wo das 1-%-Präparat gegen eine alternative Behandlungsform, wie zum Beispiel Fasten oder Ernährungsumstellung antreten muss. Denn ich habe mir sagen lassen, dass Herzkreislauferkrankungen zu einem gewichtigen Teil auf einer falschen Ernährung, wenig Bewegung, Stress, Umweltbelastungen und so weiter zurückzuführen sind und nicht auf das Fehlen von Astra-Produkten… Könnte es also sein, dass die alternativen Maßnahmen „durchbrüchiger“ sind als die millionenschwere Pharmalösung?

Eine weitere Offenbarung der Studie aus Bremen ist die Erkenntnis, dass 75 Prozent der neuen Medikamente teurer sind als die ohnehin schon teuren alten Medikamente, die durch jene ersetzt werden sollen. Der Chef der Technikerkrankenkasse, Jens Baas, veranschlagte circa 145 Millionen Euro an Ausgaben für die neuen Medikamente. Der weitere Einsatz der alten Medikamente dagegen würde nach seiner Meinung schon erst einmal 68 Millionen Euro einsparen, ohne dass man die medikamentöse Versorgung der betroffenen Patienten gefährden würde.

Solche Berechnungen sind natürlich nicht im Sinne der Pharmaindustrie. Auch solche Studien, die den von Pharmaseite aus proklamierten, evidenzbasierten Mehrnutzen nicht ausfindig machen können, sind nicht nach Geschmack der Pharmaindustrie. Naja, und wo es den hochgelobten Nutzen nicht gibt, da muss die Politik dafür sorgen, dass es ihn gibt. Ich erwähnte schon in einem anderen Beitrag die Sangeskünste von Vize-Fraktionschef der CSU, Johannes Singhammer [siehe mein Bericht: Regierung hilft der Pharmaindustrie] . Denn der kündigte an, dass die Koalition dafür sorgen werde, dass die Beurteilung, ob neue Medikamente einen Mehrnutzen haben oder nicht, ausschließlich von den Herstellern selbst beurteilt werden müssen. Kein Wunder also. Denn wo nix ist, da muss man was erfinden. Das war bei „des Kaisers neue Kleider“ genau so.

Bei solchen perfiden Studien sind die Klagen der notleidenden Pharmaindustrie und ihrer Vertreter nicht weit. Die Hauptgeschäftsführerin des Verbandes forschender Arzneimittelhersteller VFA, Birgit Fischer (schön aus der Politik zu Big Pharma gewechselt), bemängelt, dass Innovationen „schlicht bestraft“ würden. Aber wessen Innovationen, bitte schön? Ist es ab sofort innovativ, wenn man alte Kamellen durch neue ersetzt, die genau das machen, was die alten auch machten?

Fazit

Innovativ ist, wenn man sich nichts Neues einfallen lässt. Der Mehrnutzen einer neuen Substanz darf nur durch den Hersteller festgestellt werden. Neue Präparate brauchen nicht besser zu sein als die alten, sondern nur teurer. Das ist nicht nur „des Kaisers neue Kleider“, sondern auch „money for nothing“. Oder Kindermärchen, Legoland und Hollywood in einem für den zahlungsbereiten Bürger. Ich finde so langsam reicht es aber. Da werden Milliarden weiterhin in ein krankes System gepumpt und uns ständig irgendetwas als “Durchbruch” verkauft. Bei den ganzen Milliarden dürfte bei mir eigentlich gar kein “Kranker” mehr in der Praxis sitzen – und schon gar keiner, der seine Behandlung auch noch aus eigener Tasche bezahlt…

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Beitragsbild: pixabay.com – Matvevna